Sei effektiv oder habe Recht – Selbstverteidigungstraining

Im Selbstverteidigungstraining und Kampfsporttraining kann zu einem Missverständnis führen, welches entscheidend für den Erfolg einer Konfrontation oder eines Konflikts ist.

Je nachdem wie der Unterricht oder das Training abgehalten wird, kann es sein, daß der Eindruck entsteht, man könne Konfrontationen/Konflikte nur körperlich lösen. Das ist gar nicht böse gemeint, aber im Training wird fast immer ausschließlich körperlich agiert und wenn man nicht aufklärt, kann das bei Menschen einen verkehrten Eindruck hinterlassen.

Das Situationen eskalieren müssen sollte aber mit allen Mitteln verhindert werden.

Prinzipiell gibt es zwei verschiedene Arten von Konfrontationen/Konflikten: der geplante Konflikt und der spontane.

KRAV MAGA Blog Sei effektiv oder habe Recht

Geplante Konflikte sind in der Regel Strassenraub, Einbrüche in ein Haus, Vergewaltigung, Entführung etc. Hier können wir eventuell im Vorfeld, wenn unsere situative Wahrnehmung stimmt und „an“ ist, schon eine drohende Eskalation erkennen und präventive Massnahmen ergreifen, die uns schützen bzw. in dem kommenden Gewaltprozess nicht allzu weit zurückschleudern lassen.

Bei einem spontanen Konflikt können wir das nicht. Er passiert einfach. So kann man beispielsweise noch so sehr aufpassen, daß man mit dem Tablett voller Biergläser in einer vollen Kneipe versucht unbeschadet zu seinem Tisch zurück zu kommen. Es kann sein, daß man auf dem Weg dorthin so unglücklich angerempelt wird, daß das gesamte Bier sich über einen Gast ergießt, der sich dann spontan aufregt und aggressiv wird. Eine Eskalation droht hier also.

Decision Trees

Ich bin ja ein großer Fan von im vornherein festgelegten Entscheidungsabläufen, sog. „Decision Trees“. Warum? Weil die Entscheidungsfindung bei den meisten Menschen unter Stress gehemmt ist. Wir beginnen uns in einer Feedbackschleife zu bewegen und kommen nicht richtig aus dem Quark. Decision Trees können hier helfen, da man im Ruhigen für sich Entscheidungen getroffen hat, die man nur noch abrufen muß.

Also: Vereinfacht gesagt können z.B. bei einem Strassenraub zwei verschiedene Decision Trees für mich in Frage kommen:

a) Der Räuber will nur mein Geld. Entscheidung: Ich gebe ihm mein Geld. In 9 von 10 Fällen geht der Räuber weg. Ich bin in Sicherheit.

b) Der Räuber bedroht auf einmal mich als Person. Entscheidung: ich attackiere ihn als erstes, um den Vorteil zu haben und nicht hinter den Ereignissen herzulaufen.

Aber gerade mit a) haben viele Menschen ein Problem. Es kratzt an ihrem Ego (fast ausschließlich Männer), daß sie doch kämpfen könnten, weil sie es gelernt haben.

Immerhin überfällt dieser Idiot doch gerade mich und wenn ich ihm auch noch technisch und körperlich überlegen bin, sollte ich ihm doch mal zeigen, wen er hier überfällt. Er hat doch selbst Schuld.

Ja, das ist richtig.

Aber das Problem hier ist, daß man entweder effektiv sein oder Recht haben kann.

Und eine körperliche Auseinandersetzung hat immer mindestens zwei Verletzte. Man sollte nicht glauben, daß man unverletzt aus einem Kampf herauskommt. Die Variablen, die hier in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit auftauchen und wie auf einer Kette aufgereiht werden, sind zu groß.

Ja, ein Schlag könnte reichen, um den Räuber umzuhauen und ja, ich kann auch tödlich verletzt werden, da in der Regel mindestens eine Stichwaffe mit im Spiel ist bzw. ich sie nur nicht sehe, sie aber zum tragen kommt, wenn ich attackiere.

Das bedeutet ich betreibe, nur damit ich Recht habe, ein Lotteriespiel, daß mich schwer oder auch tödlich verletzten könnte.

Die Alternative ist, das Geld einfach auszuhändigen und sich ein wenig zu ärgern (vielleicht), aber gesund und wohlbehalten einer eskalativen Situation entkommen zu sein.

Was ist jetzt mit dem spontanen Konflikt?

Wir erinnern uns: wir haben eine Menge Bier über eine Person gekippt, natürlich ausversehen und diese Person fängt jetzt an sich aufzuregen. Ich habe dieses Beispiel schon einmal in einem anderen Blogartikel verwendet.

Unsere Aufgabe ist es nun, nicht auf diese Aggression mit Gegenaggression zu antworten, sondern mit De-Eskalationsstragtegien.
Das bedeutet, diese Person dazu zu bringen, sich eine andere Lösung vorzustellen stellen als mich zu verprügeln.

Dafür muß ich wissen, daß sich mein Gegenüber gerade in seinem Gehirn vom rationalen Denken verabschiedet und in das Limbische Gehirn abrutscht. Dieser Teil ist zwar noch sozial gesteuert, hat aber eine merklich animalischere Komponente. Ähnlich wie bei Hunden. Der rationale Teil ist aber hier ausgeschlossen.

Was wir jetzt unbedingt verhindern wollen, ist der weitere Abgang in unser „Reptiliengehirn“, daß nur noch Kampf oder Flucht kennt.

Unsere Aufgabe ist es also diese Person vom limbischen Teil in den rationalen Teil zurückzubringen.

Das können wir versuchen, indem wir Fragen mit offenen Ausgang stellen, die ihn/sie zwingt über Lösungen nachzudenken. Je länger wird das schaffen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, daß sich der Konflikt friedlich auflöst.

Und wir sollten es immer versuchen. Ein Kampf, der vermieden werden kann, ist gewonnen. Für beide Seiten. Und es ist egal, wie gut ich bin in meiner Art von Kampf und Selbstverteidigung.

Unser Ego steht uns aber häufig im Weg, auch weil wir emotional gesteuert sind.

Diejenigen, die aber Selbstverteidigung lernen, sollten wissen, wann es Zeit ist zuzuschlagen und wann es Zeit ist, sein Ego in Schrank zu lassen.

Man ist schließlich entweder effektiv oder man hat Recht.

Wir wollen aber effektiv sein. Immer.

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