Bist du ein Kämpfer?

Bevor dieser Beitrag anfängt, mache doch einmal bitte die Augen zu und stelle dir selbst dir Frage: Bist du ein Kämpfer?

Jetzt frage nicht, welche Antwort richtig ist … es gibt nämlich keine richtige Antwort auf diese Frage.

Wenn du die Frage mit Ja beantwortet hast, wirst du wahrscheinlich irgendwas erlebt haben, was dich aus deiner Sicht im Laufe der Zeit zum Kämpfer gemacht hast. 

Wenn du mit Nein geantwortet hast, gibt es bislang keinen, aus deiner Sicht gesehen, Grund, sich Kämpfer zu nennen.

Aber die Frage ist nicht, ob du mit Ja oder Nein geantwortet hast. Die Frage ist eher, was ein Kämpfer eigentlich ist.

Ich möchte dir einmal eine kurze Geschichte erzählen, die sich wirklich so ergeben hat.

Aus dem realen Leben

Ich arbeite seit vielen Jahren als Krankenpfleger auf einer akut psychiatrischen Station. Die Leitungen wollten zumindest offiziell lange Zeit nicht zugeben, dass auf den Stationen Gewalt und Aggression vorherrschen. Die Mitarbeiter aber, die in ständigen Kontakt mit den akut erkrankten Menschen arbeiten, erkannten das Potenzial aber schon. Um dieses Potenzial einzudämmen und präventiv zu arbeiten, damit gar nicht erst eine Eskalation entsteht, habe ich angefangen meine Kollegen zu trainieren. 

Wir wollten anfangen, Gewaltausbrüche zu minimieren und Aggressionen besser entgegenzutreten, um uns möglichst gut zu schützen.

Am ersten Tag nach dem ersten Training hatte ich dann auf meiner damaligen Facebookseite gepostet: erstes Training absolviert. Der Anfang ist gemacht für 10 neue Kämpfer in der Psychiatrie.

Die Reaktion war umgehend. Ein ehemaliger Mitarbeiter, der der Leitung sehr nahe steht, hat natürlich sofort diesen Post an meine Chefin weitergeleitet und ich wurde dazu genötigt, den Post zu löschen; was ich auch tat.

Diese kurze Geschichte wirft Fragen auf: Wie wird der Begriff Kämpfer gesehen und welche Bedeutung hat er? Und zweitens, warum habe ich mich dazu bringen lassen, den Post zu löschen? Bin ich kein Kämpfer?

Ich hatte dich ja zu anfangs gebeten, dir selbst die Frage zu stellen, ob du ein Kämpfer bist. Ich wette, einigen von euch kam die Frage befremdlich vor und andere haben ganz spontan mit Ja geantwortet. Niemand hat abgewogen.

Das liegt an der Situation, die deine Entscheidung, dich als Kämpfer zu sehen oder nicht, definiert. Es gibt auch keine richtige Antwort. Denn wir sind immer beides.

Es gibt Zeiten, da setzen wir uns durch und es gibt Zeiten, da ziehen wir uns zurück.

Du bist an Krebs erkrankt? Du wirst wahrscheinlich eine Behandlung beginnen, um ihn loszuwerden oder dein Leben noch ein wenig zu verlängern bzw. schmerzfreier leben zu können. Du kämpfst. 

Und dein Umfeld geht da absolut mit und unterstützt dich.

Aber wenn du die Behandlung verweigerst oder abbrichst, sprechen alle vom Aufgeben und wollen dich dazu bringen, weiterzukämpfen. Aber du hast für dich entschieden, dich zurückzuziehen.

Anderes, nicht so dramatisches Beispiel… Du argumentierst mit deinem PartnerIn, was ihr heute Abend essen wollt und du hast wirklich Bock auf Pommes. In dieser kurzen Diskussion argumentierst aka kämpfst du um deine Pommes. 

In all diesen Beispielen ist der Begriff Kämpfer aber nicht negativ behaftet. Egal ob wir uns selbst entscheiden gegen den Krebs anzugehen oder wir aufgefordert werden …wir wollen oder sollen kämpfen. 

Deine Pommes sind dir heute heilig und du kämpfst darum. Es ist nichts Negatives.

Was ist ein Kämpfer?

In meinem obigen Beispiel aber wurde der Begriff Kämpfer negativ interpretiert. Und das ist es, was viele von uns im Kopf haben. Sie denken über einen Kämpfer, als jemanden, der physisch jemanden Schaden zufügt. Und Menschen, die eine Martial Art erlernen oder unterrichten, müssen per se so etwas lernen. Also sind Menschen, die eine Kampfkunst erlernen bereit jemanden zu schaden. Kämpfer ist also ein negativer Terminus und fokussiert nur auf Gewalt.

Und, damit wir uns verstehen, natürlich gibt es solche Leute. Menschen, die nur eine Kampfkunst lernen, um gewalttätig zu sein oder die ein hohes Maß an Gewaltpotenzial in sich tragen. 

Aber sie sind in der Minderheit. 

Menschen, die eine Kampfkunst lernen, wollen sich in der Regel entweder mit anderen messen (Sport) oder sie wollen lernen sich selbst zu verteidigen. Mit anderen Worten, sie wollen von Gewalt nichts wissen, sind sich aber dessen Existenz bewusst.

Ein Kämpfer zu sein, ist ein neutraler Begriff. Er kann sowohl positiv als auch negativ behaftet sein. 

Wir, die eine Kampfkunst erlernen und praktizieren, sollten aber niemals beschämt sein, wenn unsere Kampfkunst negativ interpretiert wird, sondern, ganz im Gegenteil, mit Stolz und Selbstbewusstsein, unsere Kunst (!) vertreten. Wir sind diejenigen, die nicht kämpfen wollen, es aber können, wenn wir gefordert sind. Das gilt für die Diskussion als auch für die Eskalation als letztes Mittel der Wahl.

Aber wann lohnt es sich zu kämpfen? Du wirst es sicherlich schon oft erlebt haben, wo du anderer Meinung warst, es aber dabei belassen hast, zu versuchen, deinem Gegenüber zu überzeugen. 

Genauso wirst du erlebt haben, wie du gerade gegen etwas angegangen bist, auch wenn die Chancen sinnlos erschienen.

Wie schon oben erwähnt, wird die Lösung durch die Situation beschrieben. Wir sind alle emotional gesteuerte Menschen, deren Rationalität nur der Beifahrer in unserem Leben ist. Wir reagieren alle unterschiedlich auf verschiedene Situationen. 

Und selbst hier ist nichts in Stein gemeißelt. Wir können unsere Meinung und unsere Reaktion auch verändern. So reagieren wir bei einem bestimmten Thema im Kontakt mit unserem Partner weniger emotional, als wäre es ein vollkommener Fremder.

Was heißt kämpfen?

Kämpfen heißt, für seine Erfolge und Fehler einzustehen. Es heißt, sich konstant zu hinterfragen und zu reflektieren. Kämpfen heißt auch Entscheidungen zu treffen, selbst wenn sie einem schaden sollten (s. Absetzen der Krebstherapie oder sich bei einem Angriff zu wehren).

Der Mensch ist zum Kämpfen gemacht. Physisch und psychisch. Es liegt uns im wahrsten Sinne des Wortes im Blut. Selbst dort kämpft unser Immunsystem für unsere Gesundheit.

Den Begriff Kämpfer sollten wir uns also nicht von irgendwelchen Idioten, die ihre Gewalt ausleben wollen, kaputt machen lassen. Genauso wenig sollten wir uns von den Menschen, die einem einreden wollen, dass Kämpfen etwas Negatives ist, nicht beeindrucken lassen. Genauso wie wir sind auch sie Kämpfer. Sie begreifen nur die Dimension nicht und denken zu engstirnig.

Das ist übrigens auch der Grund, warum ich den Post gelöscht hatte. Es lohnte sich nicht, darüber zu argumentieren. Durch hieratische Strukturen, wird von oben herab Gewalt ausgeübt und kann so effektiv genutzt werden. Und mir in diesem Moment wegen ein paar geschriebener Worte Ärger zu bereiten, lohnte sich einfach nicht. Es gibt wichtigeres im Leben.

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