Was hast du getragen?

Als ich vor einigen Wochen mit anderen Trainern, die ich hier nicht erwähnen möchte, mich über das Vorgehen bei Vergewaltigungen, sowohl aus Täter als auch aus Verteidigerperspektive, unterhalten habe, kam natürlich wieder die Ansicht auf, dass heutzutage, die Mädchen/Frauen ja auch aufreizend angezogen wären und „wir Männer“ (leider waren keine Frauen anwesend) auf die weiblichen Attribute ja sowieso anspringen würden. Man sehe ja viel Haut und Körperformen heute.

Die berühmteste aller wertenden Fragen gegen traumatisierte Frauen stand damit wieder einmal im Raum: Was hast du getragen?

Meine Antwort war, dass ich mich tatsächlich wundere, dass Strände im Sommer und Schwimmbäder ganzjährig nicht einfach überrannt würden von einer Horde Vergewaltiger. Was passieren müsste, wenn die Theorie stimme, da in keinem öffentlichen Raum so viel Haut gezeigt wird, wie am Strand und das „Tier“, der Vergewaltiger, ja ständig umherzieht auf der Suche nach Opfern.

In der Psychologie einer Vergewaltigung ist es aber vollkommen unwichtig und nur äußerst selten ein bestimmender Faktor, wenn es um die Opferwahl geht. Ganz im Gegenteil, wir erweisen der Szene so gar noch einen Bärendienst, wenn wir diese Behauptung, es läge an der Bekleidung, aufrechterhalten und sie zu einem Risikofaktor erheben.

Dieser Artikel soll zeigen, dass wie wir alle uns schuldig machen, Missbrauch zu fördern, wenn wir diese Behauptungen weiter verbreiten.

Die Wahl der Kleidung als Grund für einen sexuellen Missbrauch?

Eine Reihe von Studien zeigt, dass Frauen am ehesten von jemanden, den sie kennen (Ex-Partner, Bekannter, Freund) in ihrem eigenen Haus/Wohnung missbraucht wurden. Bei diesen Angriffen hatten die Frauen wenig bis gar keine Chance sich zu wehren, weil sie sich in vertrauten Terrain mit vermeintlich vertrauten Menschen befanden und der natürlichen anfänglichen Leugnung zum Opfer fielen, zu begreifen, was dort gerade begonnen hatte.

Hingegen scheint es sogar so zu sein, dass Frauen sich gegen Vergewaltigung durch Fremde und außerhalb der eigenen vier Wände besser zur Wehr setzen konnten, ohne dass ein Selbstverteidigungstraining stattgefunden hatte.

Wenn wir uns also vollzogene Fälle von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen ansehen, scheint es eine hochkomplexe, soziale Angelegenheit zu sein, an denen vertraute Menschen an vertrauten Orten beteiligt sind.

Frauen, die von Fremden missbraucht wurden, haben die Vergewaltigung auch doppelt so häufig der Polizei gemeldet. 

Zu Hause

Wenn wir bedenken, dass die meisten Übergriffe zu Hause stattfinden, kann Kleidung als irrelevanter Faktor angesehen werden, da sich die meisten Menschen in solchen Umgebungen lässig kleiden. 

Wir wissen auch, dass Vergewaltigung aus masturbatorischen Fantasien entsteht und wenn der Angreifer jemand ist, den die Person kennt, ist es wahrscheinlich, dass ein gewisses Maß an Planung, Vorbereitung und Orchestrierung an dem Angriff beteiligt ist, d.h. der Angreifer wird sich in die Lage versetzen, die Gelegenheit zu schaffen und zu dirigieren.

Wenn wir (wir alle, auch Selbstverteidigungstrainer und Kampfsporttrainer) weiterhin nur darüber sprechen, dass Übergriffe Nachts im verlassenen Park oder in Straßen stattfindet, vermeiden wir die wesentlich wahrscheinlichere Variante, dass es der gute Kumpel bei einem selbst zu Hause sein kann, wo man sich im Grunde genommen sicher fühlt.

Im Selbstverteidigungsunterricht ist es deshalb unheimlich wichtig, keine Paranoia aufkommen zu lassen.

Nicht jeder Freund, den man zu Hause einlädt, ist ein Vergewaltiger. Bei weitem nicht. 

Deshalb ist es wichtig im Unterricht/Training nicht nur auf den physischen Aspekt zu achten und Techniken zu trainieren, sondern v.a. aufzuklären, wie Täter vorgehen und wie man seine Aufmerksamkeit schärfen kann, ohne ständig misstrauisch zu sein. 

Es liegt an uns, Vergewaltigungsmythen aktiv zu entlarven und aufzuklären. Tun wir es nicht, bringen wir Frauen, die solche schrecklichen Taten er- und überlebt haben, in die Rolle, dass sie selber schuld an dem Übergriff gehabt hätten. 

Ein kurzer Rock provoziert keinen sexuellen Übergriff. Die Behauptung stigmatisiert aber und macht uns zum Teil des Problems. Es verhindert nach echten Lösungen zu suchen, die mitunter viel tiefer liegen und komplexer sind, als wir denken.

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