Selbstverteidigung für Frauen – immer wieder dieselbe Masche

Ich finde es wirklich erstaunlich, was für eine Meinung und auch Bild es in den Köpfen der Menschen gibt in Bezug auf Selbstverteidigung für Frauen.

Ich hatte neulich erst wieder über einen „Crash-Kurs“ gelesen, der nur für Frauen und speziell FÜR Frauen gestaltet wurde, um ihnen mit Sicherheit zu geben.

Für mich sind das Sätze aus den 90ern, verpackt in alte traditionelle 50er Jahre Ansichten, die wirklich herabwürdigend sind und in feinster Weise mehr zeitgemäß,

Der Glaube, daß man mit einfachen Mitteln und wenig Einsatz etwas lernen kann, ist heute immer noch verlockend, Ansonsten würde diese Masche nicht ziehen,

Sie sind regelrechte Verkaufsschlager und als Unternehmer kann man hier seinen Groschen verdienen.

Gerade Frauen fragen häufig nach Selbstverteidigung.

Wenn man sich dann aber auf den Pfad von Aggression und Gewalt begibt (und damit muß man sich zwangsweise auseinander setzen), dann wird es für viele doch unangenehm. Außerdem haben viele Menschen heute wenig Zeit und man will alles immer sofort parat haben.

Viele Anbieter gehen diesem Wunsch dann auch nach und so ist das Produkt der „Selbstverteidigungskurses“ entstanden. 1-2 Tage und dann hat man es drauf,

Und ja, man kann die eine oder andere Technik in den 2 Tagen lernen. Ohne Frage.

Es gibt aber fundamentale Probleme in diesen Kursen und darüber möchte ich heute schreiben.

Das Setting

Selbstverteidigung ist keine Ansammlung von Techniken.
Selbstverteidigung ist eine Haltung, eine Einstellung zum Leben, die man erlernen muß.

Es ist äußerst schwer selbst in einem langjährigen Training realistische Szenarien nachzuspielen.

Menschen sind solche Aggressionen nicht gewöhnt und wir trainieren ja immer in einem geschützten Rahmen. Diesen Schutz nach und nach abzubauen braucht Zeit und gelingt nie zu 100%. Das wäre auch zu gefährlich, psychisch wie physisch.

Die Teilnehmer müssen sich an die steigende Intensität gewöhnen, ansonsten würden sie das Training abbrechen.

Nichts ist so brutal wie die Realität, und wir werden sie auch nie zu 100% nachstellen können. Aber um überhaupt auf 50% zu kommen, braucht es Zeit.

Und das schafft man nicht in einer Nettozeit von 10 Stunden.

Hinzu kommt die soziale Komponente. Es wird oftmals so dargestellt, daß der Vergewaltiger irgendein Fremder ist, der hinter einem Busch hervorspringt und übergriffig wird.

Tatsache ist allerdings, daß die Übergriffe zum größten Teil von Freunden und Partnern der Frauen begangen werden. Da wird der beste Freund auf einmal zu Vergewaltiger.


Gewalt im wirklichen Leben ist beängstigend und sexuelle Übergriffe sind lebensverändernde Erfahrungen, die einige Menschen nie überwinden, doch die Kampfkunst-Industrie unterstützt den Glauben daran, Selbstverteidigung in 2 Tagen zu erlernen.

Die Wahrheit ist, dass sexuelle Raubtiere qualifizierte soziale Akteure sind, die in der Lage sind, unangenehme Situationen zu schaffen, uns davon zu überzeugen, dass sie vertrauenswürdig sind, und sogar als Menschen in sie zu investieren – bevor sie dann ihren Angriff machen, wobei ihre Opfer dann erst tatsächlich erkennen, dass sie angegriffen werden. Und das meistens erst während des Angriffs.

Die Techniken

Krav Maga Techniken zu erlernen ist in der Regel relativ einfach, Sie sollen instinktiv sein und nicht detailverliebt. Es geht schließlich ums Überleben und sich entfernen aus einer eskalierten Situation..

Das Problem dabei ist, daß das Erlernen der Techniken allein keine Sicherheit bringt, sondern nur das Gefühl von Sicherheit suggeriert. Es gaukelt uns vor, wir hätten jetzt alle Situationen im Griff.

Und das ist ein Trugschluss. Und zwar ein wirklich schwerwiegender. Das Gefühl von Sicherheit ist nur der Anfang. Es hilft uns weiterzumachen im Training. Es schadet uns im echten Konflikt.

Davon einmal abgesehen, ist die Zeitspanne von einigen Stunden vollkommen unrealistisch, auch wenn die Techniken „einfach“ sind.

Man vergißt hierbei, daß a) das Setting sowieso nicht stimmt und b) die eigene Koordination oftmals verbesserungswürdig ist.
Wenn ich jetzt mit dem Gefühl von Sicherheit in eine brenzliche Situation hineinschlittere, werde ich allein von meiner Angst überrollt werden und die „leichten“ Techniken werden einfach vergessen sein.

Da wir in sicheren Trainingsräumen trainieren, können wir nur versuchen aus unseren Erfahrungen und Informationen, realistische Szenarien nachzuempfinden.

Hier müssen wir mit wenig Intensität beginnen und sie langsam steigern, Das Stresslevel muß immer individuell angepasst werden.

Fazit

Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn ich Anfragen zu Crash Kursen und auch ansonsten abgeschlossenen Kursen erhalte.

Ich biete sie nicht an. Ich könnte damit aber viel Geld verdienen.

Mein Training ist fortwährend. Es ist kein reines Technikabrufen. Es geht um Lernen.

Und ich kann es nicht verantworten, Menschen aus dem Training zu entlassen nur mit einem Gefühl von Sicherheit.

Wenn wir in einer eskalierten Situation sind, vergessen wir einen Großteil unseres erlernten Wissens und sehr viel Instinkt mischt sich in unser Handeln ein.

Technik spielt dann nur noch eine untergeordnete Rolle, obwohl wir ja glauben, das sie der Schlüssel zu allem ist.

Je länger ich aber trainiere, desto mehr werden diese Bewegungsabläufe (aka Techniken) erst instinktiv. Aber das braucht Zeit. Und selbst dann verliere ich noch einen Großteil meiner Kompetenz innerhalb des Konfliktes.

Ich werde niemals das abrufen können, was ich im Training abgerufen habe. Das ist nicht realistisch.

Wenn ich solche Anfrage bekomme, stelle ich mir immer vor, ich würde einen Fußballtrainer anrufen und ihm sagen, er solle meine Tochter, die jetzt Fußball spielen lernen will, innerhalb eines Wochenendes auf Bundesliganiveau hoch trainieren.

Das erscheint sofort absurd. Richtig?

Warum verlangt man es dann in der Selbstverteidigung?

Ich empfinde es als herablassend, wenn man Selbstverteidigung als ein „Nice to have“ Tool ansieht, weil es eine lebensnotwendige Fähigkeit ist, die jeder Mensch können sollte.

Selbst in Georges Hebert Definition von „Fitness“ bzw. den Skills, die ein Mensch hat, wird Selbstverteidigung neben Fähigkeiten wie Gehen und Laufen als essentiell angesehen (klick).

Georges Hébert
Georges Hébert

Es ist eine grundlegende Fähigkeit mit Aggressionen und Gewalt umgehen zu können.

Leider entfernen wir uns immer mehr davon und nicht wenige Selbstverteidigungslehrer unterstützen aus wirtschaftlichen Gründen diese Entwicklung seit Jahrzehnten.

Selbstverteidigung hat ein verkehrtes Bild in der Bevölkerung und einen zu geringen Stellwert.

Artikel wie etwa „10 Tipps für mehr Sicherheit beim Ausgehen“ oder ähnliches, in irgendwelchen Boulevard-Magazinen degradieren eine urmenschliche Fähigkeit auf ein „kann man machen, muß man aber nicht“.

Wir sollten wieder anfangen auch in den Medien Selbstverteidigung als das zu präsentieren, was es wirklich ist: eine Grundeigenschaft des Menschen.

Wir müssen damit aufhören, nur ein Gefühl zu verkaufen. Wir müssen ausbilden und lehren. Und wir brauchen dafür mehr Realität.

Gewalt ist beängstigend

Reale Gewalt ist unanständig und unbarmherzig. Und sie findet statt. Oft physisch, aber mehr den je auch psychisch im Beruf und Alltag.

Wir müssen uns wieder vor Angriffen wappnen können, auch wenn sie versteckt in Worten in Form von Mobbing und anderen Formen des „Druck ausübens“ stattfinden. Sie treffen und verwunden. Die Zahlen der psychischen Erkrankungen gehen nicht umsonst nach oben (ACHTUNG! Meine Meinung dazu).

Lernen wir uns wieder zu wehren.
Und den Anfang sollte man bei diesen Selbstverteidigungskursen für Frauen machen.
Techniken und Aggressionstraining haben ihren Anteil, aber z.B. genaue und realistische Szenarien müssen auch durchgearbeitet werden. Es reicht nicht, sich in die Komfortzone der Trainer zu begeben.

Es gehören zu einem Training u.a. die genaue Reflexion sowohl des physischen Umfelds als auch des sozialen Umfelds, in dem Frauen wahrscheinlich angegriffen werden dazu.

Sich sicher zu fühlen, ist nicht dasselbe wie sicher zu sein.

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